Eine kleine Chronik unseres Gasthauses
9. September 1789: Großbrand in Tübingen. 64 Häuser
werden innerhalb von zwei Tagen vollständig zerstört. Zum Leidwesen
der Besitzer ist die desolate Seckler-Eythsche Behausung nicht
betroffen, das Bürgermeisteramt gibt das Anwesen an heutigem Platz
1776 zum Abbruch und Wiederaufbau frei.
Und
jetzt beginnt die 200jährige Geschichte unseres Hauses.
Der Ratsverwandte und Landumgelter Johann Friedrich Kierecker (1751-1817)
kauft für 200 Gulden das Grundstück mit dem maroden Haus und
erstellt dort ein dreistöckiges Wohnhaus mit Scheuer. Als Goethe
1797 seinen Verleger Cotta in Tübingen besucht, wird das Haus Kiereckers
fertig. Und er, der von 1806-1815 Tübinger Schultes (Bürgermeister)
ist, tafelt natürlich auch in seinen eigenen vier Wänden. Es
ist ein großes Haus geworden, 48 Schuh an der Vorderseite, 67 Schuh
an der Ostseite, 61 Schuh an der Westseite und 32 Schuh an der oberen
Giebelseite - ein Dorn in den Augen der Nachbarn, wie uns Eingaben an
den Magistrat und an das Oberamt berichten.
Nach Kiereckers Tod (1817) verkauften die Erben das Gebäude für
8600 Gulden an den letzten hochfürstlichen Ballmeister Tübingens,
Heinrich Rudolf Keller, der bereits seit 1807 Pächter des Anwesens
ist, der da schon die Schildwirtschaftsgerechtigkeit erworben und die
neue Wirtschaft "Ballhaus" genannt hatte.
Was aber ist ein "Ballhaus", was ein "Ballmeister"?
Wenige Schritte von hier befand sich das "Collegium Illustre",
eine Ritterakademie (Fürstenschule) für württembergische
Adelssöhne, die neben ihrer Ausbildung seit dem 16. Jahrhundert im
Freien und in einem Ballhaus vom Ballmeister zu Sport und Spielen angeleitet
wurden. Draußen im großen Garten vor dem ehemaligen Lustnauer
Tor, dem heutigen Alten Botanischen Garten, war des Ballspiel eine Art
Faustball, drinnen im Ballhaus so etwas wie Tennis, aber auch das Billardspiel,
ähnlich dem, wie wir es heute kennen. Dort durfte der Ballmeister
- ein ausgebildeter Fachmann - während des Spiels Erfrischungen reichen,
war also im Nebenverdienst bereits "Kneipier". Über Generationen
hinweg waren die Kellers "Ballmeister (eine Urkunde von 1724 nennt
Georg Dominicus Keller als "Baalmeister" nach einer Lebzeit
von sieben (!) Jahren). Es war also nicht verwunderlich, daß Heinrich
Rudolf Keller nach Auflösung des alten Ballhauses seine neue Wirtschaft
am heutigen Platz ebenso "Ballhaus" nannte.
Doch
wie geht die Geschichte weiter?
Wilhelm Keller übernimmt den Wirtschaftsbetrieb 1852 von seinem Vater
Heinrich Rudolf unter dem Namen 'Café zum Ballhaus', macht aber
wohl schon um 1886 ein 'Café Keller' daraus. Sein Sohn Julius
verpachtet 1889 den Gastronomiebetrieb an Otto Fink, und wieder wird das
Wirtschaftsschild ausgewechselt: bis 1897 steht nun über dem Eingang
zu lesen: 'Restaurant zum Ballhaus'.
Ging bis 1871 die Studentenverbindung 'Corps fuevia' im Ballhaus noch
aus und ein, war es nun die Verbindung 'Sängerschaft Hohenzollern',
die hier dem Billardspiel frönte.
Die Jahrhundertwende bringt einen lebhaften Wirte- und zum Teil auch
Namenswechsel mit sich. 1889 erhält also Otto Fink (vorher Pächter)
eine Schankerlaubnis, 1898 Paul Schüle , 1904 Julius Nothdurft, 1906
Albert Klink, 1915 Eugen Schott, 1919 Max Rittenberger und 1925 Leopold
Göhler. 1928 wird die Restauration und Schankwirtschaft gar zum
Hotel, denn Anna Schayrer wirbt mit dem neuen Namensschild 'Hotel
zum Ballhaus'. Vier Jahre später (1932) übernimmt Karl Riehle
das Haus, Eigentümer wurde zwischenzeitlich die Klosterbrauerei Pfullingen,
und nennt es nun 'Gasthof zum Deutschen Haus'. Das "zum" ist
wichtig, denn schräg gegenüber steht seit 1901 das vom Architekten
C. Walker für den Bauherren A. Roos erstellte, 'richtige' Deutsche
Haus. 1933 kommt das Ehepaar Braun als neue Pächter ins, die Umbenennung
folgt sofort: 'Hotel Deutsches Haus'. Liegt es an der damaligen Zeit,
an dem damaligen Zeitgeist, daß das "zum" so einfach wegfiel?
Von 1945 bis Ende 1949 benutzt die französische Besatzung das
Haus als Quartier. Carlo Schmid setzt sich wesentlich dafür ein,
daß die alte Gastronomietradition fortgeführt werden kann.
Eugen
Braun - bereits vor dem 2. Weltkrieg Pächter des Betriebes von der
Klosterbrauerei Pfullingen - eröffnet das Hotel neu, Tochter
und Schwiegersohn Otto Stroebe übernehmen 1955 die Führung dieses
schwäbischen Lokals mit Hotel, immer noch unter dem Namen 'Hotel
Deutsches Haus'.
Die spätere Pächterfamilie Heller gibt das von ihr seit 1967
weiterbbetriebene Geschäft 1975 ganz auf, die Stadt Tübingen
erwirbt das Gebäude. Über zwei Jahre steht das Haus leer, Vorschläge
für eine andere - nicht gastronomische - Nutzung zerschlagen sich.
Aus Bayern kommen die neuen Teileigentümer, die mit den Gebrüdern
Sommer 1979 die 'Wurstkuchl' eröffnen, ganz in der Tradition
der gleichnamigen Gastronomie in Regensburg. 1986 geht der Betrieb an
Dirk Steffens weiter, die Schönbuchbrauerei wird neue Eigentümerin.
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